KI-Designer

 

Der Designer als Produktzüchter *

Der Designer als Produkttherapeut *

Der Designer als Automatenberater *

Fazit & Zusammenfassung *

 

 

Im vorangegangenen Kapitel habe ich einen Ansatz zu einer Systematik von gestalteten KI-Produkten dargestellt. In diesem Kapitel zeige ich beispielhaft auf, welche neuen Felder sich das Design von materiellen und immateriellen Produkten aneignen kann, wenn ´starke´ KI-Systemen ihren Einzug in die Gesellschaft erhalten.

 

Der Designer als Produktzüchter

Das naheliegendste Feld der Designbetätigung ist nach der vorstehenden Systematik und meiner Einschätzung von Ansätzen der KI-Forschung die Gestaltung von gezüchteten Produkten.

Die Methode, nach der ein Produkt gezüchtet werden kann, habe ich bereits in den Abschnitten ´Digitale Evolution´ (Teil 3) und ´das gezüchtete Produkt´ (Teil 5) dargestellt. Welche Konsequenzen hätte eine solche Methodik aber für den Designer?

Um Produkte zu züchten braucht der Designer ein Arbeitsmittel in Form von Computersystemen und – bei materiellen Produkten – ´Replikatoren´ oder Rapid-Prototyping-Apparaturen, die weit über den aktuellen Stand hinausgehen müssen. Sollte ein materielles Produkt nur formalästhetisch gestaltet werden müssen, kann eventuell auf eine Zuchtselektion in der realen Welt (und damit aufs Prototyping) verzichtet werden, ähnlich wie heutzutage noch Produkte über mathematische Beschreibungen (NURBS, Rendering etc.) mittels Computersystemen gestaltet werden (siehe Teil 1: Formshop 2).

Die digitale Evolvierung von Produkten entsprechend der vom Designer festgelegten Selektionskriterien, die zum Teil von der Software, zum Teil durch die Intervention des Designers durchgeführt wird, ist meiner Ansicht nach eine aussichtsreiche, höhere Repräsentanzstufe von Formgestaltung als dies die aktuellen mathematischen Beschreibungen sind.

Sollte ein solches System beispielsweise ein natürlichsprachliches Interface beinhalten, etwa ein Derivat von CYC, das die abstrakten Begriffe aus der Welt der Gestaltung begreift (´Ausgewogenheit´, ´Spannung´), dann steht dem Gestalter mit dem Einzug der Künstlichen Intelligenz eine Methodik und ein Werkzeug zur Verfügung, das die Produktqualität hinsichtlich Variantenbildung, Ergebnisraum und Realisationsgeschwindigkeit nach meinem Dafürhalten effizient steigern kann, im Gegensatz zu herkömmlichen Systemen, die eher verzögernd wirken.

Selbstverständlich braucht ein Gestalter nach wie vor ein besonders gut ausgeprägtes ästhetisches Empfinden etc. – Der Vorteil eines solchen Zuchtverfahrens liegt darin, daß sich der Designer voll auf den Inhalt seiner Gestaltung konzentrieren kann, weil er weder materielle noch immaterielle Werkzeuge beherrschen muß. Das Zuchtsystem wird eine agentenähnliches Interface bieten, das dem Designer eher als Teamkollege vorkommen wird (Animismus), denn als Werkzeug. Der Rechner wird von der Plage zum Verbündeten.

 

Der Designer als Produkttherapeut

Wenn man das autonome Produkt sinngemäß betrachtet, dann impliziert dies schon eine gewisse Menge an Künstlicher Intelligenz. Zwar wird diese nicht so umfassend sein wie beim Menschen, das Produkt wird also nicht zwangsläufig gleichzeitig musikalisch, sprachlich und handwerklich begabt sein. Allerdings wird es im Rahmen seines Wirkungsraumes durchaus über ein mehr oder weniger bewußtes Denken verfügen, damit es lernfähig ist.

Sollte das autonome Produkt gezüchtet worden sein, dann ist seine Lernfähigkeit in Analogie zur biologischen Evolution ein Teil seiner Überlebensstrategie, die es gegen sein Aussterben während des Zuchtprozesses eingesetzt hat! Aber auch sonst ist anzunehmen, daß ein autonomes Produkt aus seinen Fehlern lernt, damit es sich einer dynamisch verändernden Umwelt auch innerhalb seines engen Kontextes anpassen kann.

Wenn aber ein Produkt über eine Lernfähigkeit verfügt, welche nach meiner Einschätzung die Grundform von Veränderungen einer Denkstruktur aufgrund von Erfahrungen ist, dann wird dieses Produkt im Laufe der Zeit auch Persönlichkeitsveränderungen durchmachen. In Anbetracht sich rasch ändernder Arbeitsumgebungen für autonome Produkte wird klar, daß es nicht möglich sein wird, die Lernfähigkeit eines Produktes für alle unvorhersagbaren Eventualitäten auszulegen. Es kann also im Verlaufe eines Produktlebens passieren, daß auch in eng begrenzten Kontexten Situationen auftreten, an denen die Intelligenz des Produktes scheitert.

Ich denke nur an das lustige Beispiel vom autonomen Staubsauger, der eines Tages plötzlich mit einer Katze konfrontiert wird, deren Herstellerfirmen in Konkurrenz zueinander stehen. Die Katze wird sich aufgrund ihres Trainings nicht von den Abwehrmechanismen des Staubsaugers beeindrucken lassen. Stattdessen wird sie dem Staubsauger heimlich ein paar Fallen stellen – wofür sie schließlich aus Wettbewerbsgründen dressiert wurde –, mit denen der Staubsauger nicht klarkommt. Dann wird zum einen der Staubsauger seinen Dienst nicht mehr tun, wofür sein Bewußtsein nichts kann, zum anderen wird die Katze den Besitzern vorschlagen, lieber einen autonomen Staubsauger von der eigenen Firma anzuschaffen.

Autonome Produkte sind eventuell sehr teuer und mit einem hohen Maß an Animismus gestaltet. Es kann sein, daß sie die Rolle von Gefährten, Kameraden oder Teamkollegen einnehmen. Aus diesen und unzähligen Gründen, die vielleicht heute noch nicht bekannt sein können, ist es denkbar, daß autonome Produkte, die zwar strukturell in der Lage sind, ihren Dienst zu tun, aber dafür intellektuelle Probleme haben, die nach menschlichen Maßstäben Neurosen, Blockaden oder Depressionen sein können, ´therapiert´ werden müssen.

Wenn nun die Gestaltung vom Produktverhalten autonomer Produkte eine Domäne des Designs ist, dann stellt die nachträgliche Erweiterung oder Anpassung ebenfalls eine gestalterische Arbeit dar. Hier fließt die Kompetenz des Gestalters zusammen mit der Kompetenz des Psychiaters.

Es kann hier nicht geklärt werden, ob solche Änderungen im Produktverhalten kategorisierbar sind, so wie Defekte der menschlichen Psyche größtenteils in Kategorien fallen. Möglicherweise werden autonome Produkte aufgrund ihrer Andersartigkeit im Intellekt auch dazu tendieren, sehr individuelle Probleme zu haben. – Schließlich können ´gemachte´ Intellekte nicht auf ein über Jahrhunderte gewachsenes, halbwegs konstantes Wertesystem zurückblicken.

Die ´emotionalen´ Zustände in einem autonomen Produkt werden entweder schlicht und vorhersagbar sein oder chaotisch und nicht bestimmbar. In Bezug auf die These, daß gerade das Undeterminierbare einen Animismuseffekt hervorruft (Teil 2: ELIZA), werden meiner Ansicht nach also auch gerade die chaotischen Systeme diejenigen sein, mit denen der Produkttherapeut umzugehen hat.

Was genau unter der Therapie eines autonomen Produktes zu verstehen ist, kann an dieser Stelle genausowenig erörtert werden wie die Frage nach der Struktur von Verhaltensdesign. Vielleicht wird es sich um eine Fortsetzung des unterbrochenen Zuchtvorganges handeln, wobei die neuen Kontextparameter, die dem Produkt seine Probleme bereiten, zu den Selektionskriterien hinzugefügt werden. – Ob jedoch das Produkt in animistischer Sicht ´noch ganz das Alte´ bleibt, sei dahingestellt...

 

Der Designer als Automatenberater

Welcher Leser angenommen hatte, die Vorstellung von ´geborenen Produkten´ wäre nur ein Scherz gewesen, dem seien die Quellen zur Lektüre empfohlen, die sehr wissenschaftlich darlegen, daß eine realisierte ´kleine´ Künstliche Intelligenz gleichbedeutend ist mit der fortschreitenden Stärkung der KI bis hin zur Möglichkeit, daß aus den autonomen Produkten Individuen hervorgehen. Letzteres bedeutet, daß es Automaten mit Persönlichkeit geben wird, die wahrscheinlich selber Bedürfnisse zu befriedigen haben. Also werden sie auch gestalterisch tätig werden, entweder für sich, zur Selbstreproduktion oder für andere, um ihren Bedürfnisse indirekt über ein Handelssystem gerecht zu werden.

Ich möchte hier weder ethisch argumentieren noch als Prophet aufgefaßt werden. Es ist lediglich meiner Ansicht nach denkbar, daß gewisse Leute wie Hans Moravec oder Hugo de Garis Visionen aufmachen, die sich in ähnlich stringenter Form bewahrheiten könnten.

Da ich es für wahrscheinlich halte, daß eine uns gleichkommende oder überflügelnde Intelligenz aus einer symbiotischen Beziehung Kapital schlagen will, erscheint es mir auch denkbar, daß intelligente Automaten Produkte ´gebären´, die für Menschen gedacht sind.

Da sich die ästhetischen und wohl alle anderen intellektuellen Ansichten bei solchen ´Artilects´ von den menschlichen unterscheiden werden, wird es in einer nach unseren Maßstäben sehr merkwürdigen Zukunft möglicherweise Automaten geben, Menschen zu Produktfragen konsultieren werden.

Was hier passiert, ist im Grunde genommen nichts weiter als die Umkehrung von aktiver und passiver Gestaltung mit KI-Systemen. Während der Produktzüchter noch aus eigener Motivation ein Produkt gestaltet, kommt mit zunehmender Autonomie den Automaten/Artilects auch eine aktivere Rolle bei der Produktgestaltung zu. Der Designer kann somit in eine gestalterische Passivität abgleiten, die von der Kreativität zur reinen Nachlese wird.

Dieses Szenario ist natürlich noch sehr weit weg von irgendwelcher Realisierbarkeit. Es ist ein Spiegel der Kontroversen, mit denen in der KI-Forschung debattiert wird. Da solche Extrempositionen dort an der Tagesordnung sind, sollten sie hier nicht fehlen...

 

Fazit & Zusammenfassung

 

In dieser Arbeit habe ich unterschiedliche Ansätze zur Schaffung einer Künstlichen Intelligenz dargestellt. Diese Aufzählung ist keineswegs vollständig, bildet aber einen sehr repräsentativen Überblick

über die gesamte Breite der Auseinandersetzung, sowohl historisch als auch aktuell.

Sobald sich direkte Verknüpfungspunkte zum Design ergaben, habe ich diese in Form von Fakten und von mir selbst entwickelten Szenarien beschrieben.

Der Aufbau der Arbeit ist so gewählt, daß die ´Stärke´ der beschriebenen Künstlichen Intelligenz zunimmt.

Im letzten Teil der Arbeit habe ich einen Ansatz einer Systematik für Produkte, die mit Hilfe von KI gestaltet werden oder eine solche inkorporieren, aufgemacht, wobei ich mich auf kontroverse Prognosen der internationalen Forschung gestützt habe. Diese mag vervollständigt werden, wenn weitere Anknüpfungspunkte zwischen KI und Design andernorts besprochen werden.

Das Aufwerfen und Besprechen von ethischen Fragen habe ich bewußt weggelassen. Es mag jeder selbst entscheiden, welche Vision für ihn positiv ist oder nicht. – Die Palette reicht von der Finger-Weg-Position bis hin zur Ansicht, daß es eine moralische Verpflichtung ist, eine höhere post-biologische Intelligenz zu schaffen, die den Menschen als bis dato ´höchste´ Spezies ablöst.

Urs Heckmann, Mai 1999