Semantics in Music

Urs Heckmann

 

Semantics in Music ist in erster Linie die Idee zu einer neuartigen Musiksoftware, die sich drastisch von den gängigen Programmen, die MIDI-Informationen speichern, editieren und wiedergeben lassen, unterscheidet.

In üblicher Kompositionssoftware werden Musikstücke komponiert, indem mittels Keyboard oder anderen Instrumenten Noten aufgezeichnet werden, die der Musiker nach und nach verändern und arrangieren kann, bis aus einer Anzahl von eingespielten Linien ein komplettes Stück entsteht.

Wenn dieses Stück abgespielt wird, ist es ein festgefügtes Produkt, da dem Musiker nur begrenzte Möglichkeiten zur Verfügung stehen, während des Abspielens in das musikalische Geschehen einzugreifen.

Eingriffe in ein aufgezeichnetes Stück finden immer auf der syntaktischen Ebene statt, beispielsweise wenn eine Melodielinie zeitlich verschoben wird, ein Rafrain verkürzt wird oder eine ganze Strophe transponiert werden soll.

Das im Computer vorliegende Musikstück ist vergleichbar einer klassischen Partitur, die von elektronischen Musikinstrumenten exakt interpretiert wird. Wie bei einer Partitur auf Papier kann der Komponist Streichungen vornehmen, Takte verschieben oder Noten hinzufügen.

Komposition und Vortrag sind getrennte Abläufe, die oft mit dem Begriff "Produzieren" von dem "live" vorgetragenen Musikstück einer Band unterschieden wird.

Semantics in Music liegt das Konzept zugrunde, Musik nicht mehr nur nach Noten, Midievents oder Instrumentenspiel zu komponieren, sondern die starre, syntaktische Zuordnung einer Partitur nach Instrumentenklang, Melodie, Tonart, Harmonie und Dynamik in semantischen Parametern aufzulösen. Diese Parameter sollen während des Vortrags veränderbar sein, so daß Komposition und Vortrag gleichzeitig stattfinden. Der Sequencer selbst wird zum spielbaren Instrument, mehr noch als Arpeggiatoren oder Echtzeit-Loopmixer.

Verschiedene Module der Software erzeugen musikalische Rahmenbedingungen wie Rhythmuskontext, Harmonieverlauf und Instrumentenspielverhalten, die der Musiker interaktiv beeinflussen kann. Aus definierten Abhängigkeiten der Module entstehen so musikalische Linien, die nicht einer festgefügten Partitur folgen, sondern über Echtzeitfunktionen in Parametern wie Stimmung, Dynamik, Dichte oder Stilistik variiert werden können.

Der Kompositionsprozeß erfolgt nun semantisch, das heißt nicht mehr anhand von strukturellen Einzelnoten oder -instrumenten, sondern nach Gesichtspunkten von Inhalt und Ausdruck.

Als Vergleich zu herkömmlicher Komponistenarbeit kann die Arbeit eines Schriftstellers dienen, der bisher jedes einzelne Wort seiner Geschichte aufschreiben muß, bis ein festes Gefüge von Dramaturgie, Story und Ausdrucksweise entsteht.

Eine semantische Arbeitsweise hieße für den Schriftsteller, die Eigenschaften seiner Charaktere zu bestimmen, Situationen und Orte zu definieren, sprachliche Konventionen zu treffen und einen Computer diese auswerten zu lassen, der dann die Geschichte erzählt. Während dieser Erzählung hätte der Schriftsteller oder der Leser die Möglichkeit, Situationen und Handlungsverläufe zu verändern, indem er Einfluß auf die möglichen Parameter ausübt.

Nach diesem Prinzip können Musikstücke verwirklicht werden, die immer neue Verläufe nehmen und niemals gleich abgespielt werden. Es eröffnet die Möglichkeit, mit sehr geringem Aufwand sehr komplexe Stücke zu kreieren oder dem Laien ohne besondere musikalische Vorkenntnisse die Werkzeuge zum musikalischen Ausdruck zu verleihen.

Beispielhafte Anwendungen sind die automatische Komposition von Filmmusik, die in Echtzeit auf die Spannungsbögen im Film reagiert, sowie die Untermalung von Videospielen, die der aktuellen Dramaturgie folgt oder eben der kreative Einsatz in einer professionellen Umgebung.

Ein Vorläufer dieser Software ist SONYs "Phondue", das dem Besucher der SONY Music Box in Berlin erlaubt, vorgegebene musikalische Muster anhand von fünf Schiebereglern in ihrem kompositorischen Zusammenhang ("Style", "Variation", "Density", "Sound" und "Tempo") zu verändern.

Die Vision von Semantics in Music besteht darin, das grundlegende Prinzip von Phondue so weit auszubauen, daß eine einfach handhabbare Software entsteht, mit der musikalische Muster und Kompositionsvorschriften erarbeitet werden können, die zu einem interaktiven Vortrag führen.

Daraus kann ein neues Paradigma für Komponistentätigkeit werden, das einen tiefgreifenden Einfluß auf die Musikkultur hat.